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04.03.2026

„Die Zukunft beginnt in der Kita“

Stephan R. Brockschmidt, Vorstand der Lebenshilfe im Kreis Kleve, über Personalmangel, Mindestbesetzungen und politische Reformen.

Die Zukunft beginnt in der Kita.

Herr Brockschmidt, ist das Wort von der „Kita-Krise“ angemessen?
Ja. Wir erleben eine strukturelle Krise, keine Momentaufnahme. Der Anspruch an Qualität, Inklusion und frühkindliche Bildung ist hoch – zu Recht. Aber die Realität in den Einrichtungen hält mit diesen Anforderungen nicht Schritt. Das gefährdet Bildungsqualität und Chancengerechtigkeit.

Wie zeigt sich das im Alltag?
Vor allem im Personalmangel. Krankheitsausfälle oder Fortbildungen lassen sich kaum auffangen, gleichzeitig nehmen Dokumentationspflichten und Qualitätsanforderungen zu. Das führt zu einer hohen Dauerbelastung.

Welche Rolle spielen Mindestbesetzungen?
Wir möchten ein verlässlicher Partner für Eltern und Kinder sein, sichere Betreuung anbieten. Mindestbesetzungen bedeuten: Fällt Personal krankheitsbedingt aus oder nimmt an Fortbildungen teil, geraten Einrichtungen in den Notbetrieb. Gruppen müssen zusammengelegt, Öffnungszeiten eingeschränkt oder Betreuungszeiten gekürzt werden. Pädagogisch ist das nicht wünschenswert, für uns aber eine wichtige Sicherheitsmaßnahme und rechtlich oft alternativlos.

Eltern reagieren darauf zunehmend unzufrieden. Zu Recht?
Ja. Eltern sind auf verlässliche Betreuung angewiesen. Wenn Angebote kurzfristig eingeschränkt werden, ist das für viele eine erhebliche Belastung. Dieser Ärger ist verständlich, richtet sich aber häufig gegen die falsche Adresse.

Was meinen Sie damit?
Die Einrichtungen handeln nicht leichtfertig oder aus Bequemlichkeit, sondern aus Verantwortung. Mindestbesetzungen sind gesetzlich vorgegeben, um Kinder zu schützen. Wenn Personal fehlt, stehen Träger und Leitungen vor der Wahl: rechtssicher arbeiten oder Betreuung um jeden Preis anbieten. Beides gleichzeitig ist nicht möglich. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem.

Was tun Sie als einzelner Träger, um gegenzusteuern?
Wir verstärken die Fachkräftegewinnung, bauen Ausbildungsplätze aus und begleiten neue Mitarbeitende eng. Gleichzeitig investieren wir in Fort- und Weiterbildung und arbeiten daran, Teams zu stabilisieren. Wir möchten ein verlässlicher Partner sein.

Wo stoßen diese Bemühungen an Grenzen?
Dort, wo strukturelle Probleme beginnen. Träger können viel leisten, aber fehlende Fachkräfte oder eine unzureichende Finanzierung nicht ausgleichen. Dafür braucht es politische Lösungen.

In NRW wird über eine Reform des Kinderbildungsgesetzes diskutiert. Ihre Einschätzung?
Der Reformbedarf ist unstrittig. Der vorliegende Entwurf überzeugt uns jedoch nicht. Viele Träger und Fachverbände sehen darin bislang keine spürbare Entlastung für die Praxis. Es besteht die Sorge, dass Bürokratie zunimmt, ohne die zentralen Probleme zu lösen.

Was bereitet Ihnen dabei besonders Sorge?
Wenn Qualitätsansprüche formuliert werden, ohne die nötigen Ressourcen bereitzustellen. Auch die Diskussion um mehr Flexibilität, etwa in Randzeiten, muss sorgfältig geführt werden. 

Kitas gelten oft noch als Betreuungseinrichtungen. Ein Missverständnis?
Ja. Kitas sind Bildungseinrichtungen. Hier werden zentrale Grundlagen für Sprache, soziale Entwicklung und Teilhabe gelegt. Diese Arbeit verdient die gleiche Aufmerksamkeit wie andere Bildungsbereiche.

Und die Inklusion?
Inklusion ist Teil guter Bildung. Sie gelingt aber nur mit ausreichend Personal, Zeit und Fachlichkeit. Fehlen diese Voraussetzungen, entsteht Überforderung – für Fachkräfte wie für Kinder.

Trotz aller Schwierigkeiten sagen viele: Kita ist der schönste Job der Welt.
Das stimmt. Die Arbeit mit Kindern ist sinnstiftend und erfüllend. Aber Idealismus hat Grenzen. Gute Arbeit braucht gute Bedingungen. Wer Fachkräfte halten will, muss ihnen verlässliche Rahmenbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten – nicht nur in Worten, sondern ganz konkret.

Was erwarten Sie von der Politik?
Klare Prioritäten. Frühkindliche Bildung muss ganz oben auf der Agenda stehen. Es braucht realistische Standards, eine stabile Finanzierung und weniger Bürokratie. Bildung entscheidet über Zukunft – und die Zukunft beginnt in der Kita.

Foto von Stephan R. Brockschmidt
Stephan R. Brockschmidt

Vorstand

Tel. 02831 9192-149

s.brockschmidt@lh-kk.de

Spendenkonto: Lebenshilfe im Kreis Kleve e.V., IBAN: DE96 3206 1384 0103 6310 17, BIC: GENODED1GDL

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